Gründung und Nachfolge im Handwerk
entnommen aus dem
Existenzgründungsportal-Newsletter Nr. 36 in 03/2007
SCHWERPUNKT
Gründung und Nachfolge im Handwerk
Die anziehende Konjunktur macht sich auch im Handwerk bemerkbar. Die
Aussichten für Existenzgründerinnen und -gründer sind daher viel
versprechend. Woran das liegt und worauf Gründerinnen und Gründer sowohl
bei einer Neugründung als auch bei einer Betriebsnachfolge achten sollten,
erfahren Sie in dem folgenden Interview, das wir mit Otto Kentzler, dem
Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), geführt
haben.
Herr Kentzler, wie sehen die Chancen für Gründungen im Handwerk aus?
Kentzler: Das Handwerk bietet nach wie vor hervorragende Möglichkeiten
für eine erfolgreiche Selbständigkeit. Nachdem die Handwerkswirtschaft in den vergangenen Jahren erhebliche Umsatz- und Beschäftigtenverluste verkraften musste, geht es seit dem letzten Jahr wirtschaftlich wieder spürbar aufwärts. Auch das laufende Jahr bietet trotz der Mehrwertsteuererhöhung insgesamt gute Perspektiven. Das verhilft Gründern zu einer guten Startposition; Voraussetzung für eine erfolgreiche Gründung ist aber in jedem Fall eine gute Qualifizierung und die Fähigkeit zum unternehmerischen Denken und Handeln. Insbesondere der Meisterbrief bietet neben der intensiven fachlichen Ausbildung auch in Bezug auf kaufmännische und rechtliche Kenntnisse die ideale Qualifikation für einen guten und nachhaltig erfolgreichen Start in die Selbständigkeit.
In welchen Bereichen wird am häufigsten gegründet und warum?
Kentzler: Im vergangenen Jahr hat sich das Gründungsgeschehen im Handwerk insgesamt etwas verlangsamt. Dennoch blieb die Gründungsdynamik mit knapp
100.000 neu gegründeten und übernommenen Betrieben sehr hoch. Dabei wurden auch im dritten Jahr nach der Novellierung der Handwerksordnung die meisten Betriebe in den zulassungsfreien Handwerken der Anlagen B1 und B2 angemeldet: Allerdings dürften die Zahlen hier überzeichnen, weil hinter vielen dieser Betriebe keine tatsächliche Selbständigkeit steht. Zudem zeigt sich mehr und mehr, dass Gründungen ohne Qualifikationen sich dauerhaft nur schwer am Markt halten können. So haben sich die Löschungszahlen in den seit 2004 zulassungsfreien B1-Handwerken stark erhöht. Erfreulicherweise ist aber auch die Gründungsdynamik in den zulassungspflichtigen Handwerken weiter sehr hoch: Knapp 30.000 neu gegründete und rund 8.000 übernommene Betriebe dokumentieren, dass der Meisterbrief von sehr vielen Handwerkern als das ideale Sprungbrett in die Selbständigkeit angesehen wird.
Die Gründungen haben sich auf zwei Gruppen konzentriert: Auf die Bau- und
Ausbauhandwerke (Fliesenleger, Maurer und Betonbauer, Installateure und
Heizungsbauer, Elektrotechniker) und auf die Gruppe "Gesundheit und Körperpflege, chemische und Reinigungsberufe", bei denen Friseure,
Gebäudereiniger und Kosmetiker hohe Gründungsraten verzeichneten. Die
Gründe dafür sind vielfältig: Der Bau ist einer der größten Wirtschaftsbereiche im Handwerk, zudem bieten sich dort wieder bessere Chancen und Perspektiven. In den anderen Berufen zieht die stärkere Dienstleistungsnachfrage in Deutschland Gründungen an, aber auch die stärkere Nachfrage nach Wellness- und ergänzenden Gesundheitsangeboten.
Gibt es typische Fehler von Seiten der Gründer? Und wie lassen sich diese Fehler vermeiden?
Kentzler: Eine Gründung ist ein komplexer Prozess. Bei seiner Umsetzung
gilt: Nichts dem Zufall überlassen! Nur eine grobe Geschäftsidee, möglicherweise nach dem Prinzip "Ich unterbiete auf jeden Fall meine Konkurrenten" reicht nicht aus. Gefragt ist vielmehr ein innovatives und
schlüssiges Unternehmens-Konzept. Handwerksbetriebe, die sich auf ihre
besonderen Stärken konzentrieren und in ihrem Marktsegment kundengerechte, individuell auf die Wünsche der Verbraucher zugeschnittene und qualitativ hochwertige Leistungen anbieten, sind klar im Vorteil.
Neben der überzeugenden Geschäftsidee kommt es auf eine sorgfältige
Planung an, bei der auch potenzielle Risiken einkalkuliert werden. Wer
sich erfolgreich am Markt behaupten will, muss formale und rechtliche
Voraussetzungen ebenso berücksichtigen wie eine Vielzahl von betriebswirtschaftlichen Faktoren. Insbesondere muss eine geeignete
Finanzierung des Gründungsvorhabens gefunden werden, was aufgrund der in
der Regel geringen Eigenkapitalausstattung von Handwerksunternehmen oft
die größte Hürde darstellt. Ebenso wichtig ist ein fundiertes Marketingkonzept, aus dem hervorgeht, welche Zielgruppen man ansprechen will, wie Aufträge gewonnen werden sollen, zu welchen Preisen und Lieferbedingungen und mit welchen Werbemaßnahmen die Leistungen und Produkte angeboten werden.
Welche Hilfestellung erhalten Gründerinnen und Gründer im Handwerk?
Kentzler: Existenzgründer aus dem Handwerk erhalten tatkräftige und
wirkungsvolle Unterstützung von den Handwerkskammern und Fachverbänden:
neben Informationen und Schulungen vor allem auch die Angebote der
Beratungsstellen. Über 800 technische und betriebswirtschaftliche Berater
stehen für die individuelle Beratung von Existenzgründern zur Verfügung.
Sie helfen beispielsweise bei der Erstellung des Businessplans, unterstützen bei der Markterkundung und Vertriebsplanung und verfügen über ein umfassendes und bewährtes EDV-System, mit dem optimal zugeschnitten Finanzierungs- und Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchgeführt werden. Auch haben die Berater einen umfassenden Überblick über die geeigneten Fördermöglichkeiten der Länder, des Bundes und der EU.
Darüber hinaus haben viele Handwerkskammern inzwischen so genannte
Starter-Center eingerichtet. In diesen Servicestellen können Betriebsgründungen angemeldet werden, ohne dass weitere Einrichtungen wie
Gewerbeämter, Amtsgerichte, Sozialversicherungen usw. noch selbst aufgesucht werden müssen. Das ist praxisnahe Beratung aus dem Handwerk
für das Handwerk.
Stichwort Betriebsnachfolge: Wie sieht hier die Prognose für das Handwerk
aus?
Kentzler: Chefs werden derzeit im Handwerk gesucht. Weit über 100.000
Unternehmen stehen in den nächsten Jahren zur Übernahme an. Leider zeigt
die Praxis, dass häufig die Nachfolgeplanung zu spät oder gar nicht erfolgt, mit dem Ergebnis, dass Unternehmen geschlossen werden und Arbeits- und Ausbildungsplätze verloren gehen. Hier appelliere ich an die Unternehmer, rechtzeitig aktiv zu werden, um Nachfolgern eine Chance zu geben.
Dabei muss der Übergabeprozess ebenso sorgfältig geplant und vorbereitet
werden wie die Gründung eines neuen Unternehmens. Auch hier helfen die
Kammern und Verbände der Handwerksorganisation. So wurde ein Standard für
die handwerksgerechte Bewertung von Unternehmen entwickelt, der die
marktgerechte Preisfindung bei der Übergabe erleichtert. Auch bei der
Finanzierung erarbeiten die Berater des Handwerks gemeinsam mit den
Unternehmern und Nachfolgern Lösungen. Denn wirtschaftlich überdurchschnittlich erfolgreiche Unternehmen haben auch einen entsprechend hohen Unternehmenswert, so dass in der Regel erst einmal ein höheres Startkapital aufgebracht werden muss als bei einer Neugründung. Nicht zuletzt ist aber auch die Politik gefordert. Sie muss Rahmenbedingungen schaffen, die eine Betriebsübergabe erleichtern, zum Beispiel bei der Erbschaftsteuer.
Welche Vorteile bietet eine Betriebsübernahme?
Kentzler: Der neue Inhaber kann auf bereits in der Praxis bewährte Strukturen zurückgreifen und gleichzeitig eigene Ideen einbringen und so das Geschäft ausbauen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ist das eine große Chance.
Welche Anforderungen sollte ein Gründer erfüllen, der an einer Betriebsübernahme interessiert ist?
Kentzler: Selbst wenn man ein in der Regel gut funktionierendes Unternehmen mit eingearbeiteten Mitarbeitern übernimmt und vom übernommenen Kundenstamm profitiert, für den Erfolg am Markt ist letztendlich vor allem auch die persönliche Qualifikation des Unternehmers entscheidend - egal, ob ich ein Unternehmen gründe oder einen bestehenden Betrieb übernehme. Der harte Wettbewerb und die gewachsenen Ansprüche der Kunden stellen Betriebsinhaber immer wieder vor neue unternehmerische Herausforderungen.
Die Praxis zeigt hier, dass Absolventen der Meisterprüfung einen klaren Vorteil haben und sich besser als ihre Konkurrenten am Markt behaupten.
Die Meisterprüfung ist eine direkte Ausbildung zum Unternehmer, denn sie
vertieft und erweitert fachliches Know how und vermittelt dazu das
notwendige betriebswirtschaftliche, rechtliche und pädagogische Rüstzeug.
Damit qualifiziert sie für Führungsaufgaben in Handwerksbetrieben und
macht potenzielle Existenzgründer fit für eine erfolgreiche Selbständigkeit. Außerdem wird der Meisterbrief von den Kunden als Gütesiegel für verlässliche Qualität und Dienstleistung wahrgenommen. Wer ein Unternehmen gründen oder übernehmen will, sollte das beherzigen.
Weitere Informationen:
Zentralverband des Deutschen Handwerks (www)
http://www.zdh.de/
BMWi-GründerZeiten "Existenzgründung im Handwerk"
http://www.existenzgruender.de/publikationen/gruender_zeiten/index.php









